Netzbuch (1–4)

4. Systemparadoxien

Wo soll es langgehen, Bücher? Weiter in Regalen rumstehen und Staub ansetzen, oder doch lieber flügge werden und in eine farbigere Zukunft fliegen? Solcherlei Flugmanöver macht euch jedenfalls kein Tablet oder eBook-Reader nach. Wohin sich digitalen Bücher erst noch träumen müssen, da seid ihr seit Jahrhunderten heimisch: Das Land «Libraria», die unstillbare Lust, an endlosen Regalen vorbei durch endlose Flure zu gehen, Staub in der Nase und Tausende Datenträger, fein säuberlich aufgereiht, entlangflanieren. Solch körperliche Lust wird das WWW nie produzieren. Und doch, Obacht, liebe Bücher: Letzten Endes seid auch ihr zuerst einmal Datenträger! (Foto: www.lucianhunziker.com).

Schneller, umfassender, besser, brotloser: Die Distributoren des WWW sind den Verlagen überlegen. Werbeträger und Besprechungsorgane der holzverarbeitenden Industrie führen Zweitexistenzen im WWW: Der Kampf ums Medium verzerrt das Urteil. Monopol und Systembildungskraft des Buches sind dahin, Netzbücher sind Kapitel im Buch der Bücher, gerade deswegen Sieger. (Foto: www.lucianhunziker.com).

Ein Netzbuch ist ein Buch im Netz: soll heissen, es ist bereits verteilt, wenn es dort erscheint. Die Frage, ob sich auf diese Weise Geld machen lässt, einmal beiseite gestellt, erfüllen die Distributoren des world wide web die Aufgabe der Verlage, aber weit schneller, weit umfassender, weit besser. Es ist nicht gut, diese Tatsache zu verschleiern, weil sie sich auf Dauer nicht verschleiern lässt. Was man beobachten kann, sind Ansätze, ein Oligopol zu verteidigen: den eingespielten Verbund mit Werbeträgern und ‹Besprechungsorganen›, die ihrerseits längst ins Netz umgezogen sind oder dort eine Zweitexistenz führen. Auf diese Weise sind sie nicht nur zum Hemmschuh der Entwicklung geworden, sondern zu einem wirklichen Flaschenhals für die Verbreitung von Literatur, also dafür, gelesen zu werden. Sie stellen die Autoren vor die Wahl, gelesen oder gefördert, gelesen oder besprochen, gelesen oder geehrt zu werden. Das schmeckt nach Kampf. Und wirklich ist es gerade das, was wir erleben: die Verzerrung jeglichen Urteils durch den Kampf ums Medium.

Was sich beim Übergang vom Buch zum Netzbuch wirklich verändert, ist das System oder die äussere Repräsentanz, der die innere entspricht, also das, was das gedruckte Ding zum Buch macht. Seine Monopolstellung ist dahin, es ist nicht mehr systembildend, sondern Teil eines Systems, noch dazu eines, das sich weniger leicht, und wenn, dann mit anderen Mitteln und vielleicht bloss segmentweise, monopolisieren lässt. Der Bedeutungs-, der Ansehensverlust, der daraus resultiert, ist mit Händen zu greifen, wie die Hersteller der Dinosaurier des Prestiges, der Enzyklopädien, als erste erfahren mussten.

Der Bedeutungsschwund erzeugt seltsame Wirkungen: er bringt jenen klebrigen Fetischismus an den Tag, der sich an Leim und Geleimtes, an die standardisierten und beliebig verfügbaren Phrasen der Besprechungsindustrie, ans Treppchenwesen der Förderkolonnen heftet und ausspart, dass, was geschrieben wurde, vor allem gelesen sein will.

Ist ein Netzbuch demnach kein Buch mehr, sondern ein prestigearmes ‹Kapitel› in jenem umfassenden Buch der Bücher, Internet genannt, in dem alles vorkommt, was des Menschen Herz und Verstand zu sehen, zu hören und zu lesen begehren? Sind Netzbuch und Netz demnach dasselbe? Für Apologeten der ‹Konnektivität›, des nicht-linearen Weiterblätterns und -klickens ist das keine Frage. Nur ist das Netz weder die Summe seiner Inhalte noch ein ominöses, aus Inhalten gefügtes Ganzes. Es ist, wie jedermann weiss, dynamisch: sowohl in den Inhalten als auch in den Formen, in denen sie sich präsentieren. Darin ähnelt es eher der romantischen Universalpoesie oder Zauberbüchern, mit denen man kindliche Gemüter beeindruckt, als dem vertrauten System Buch. Andererseits geht sein (ebenfalls dynamisches) Verweissystem so sehr über alles hinaus, was die ausgeklügeltste Bibliothek zu leisten vermag, dass sich auch diese Analogie verbietet. Sie wäre auch aus dem einfachen Grund widersinnig, dass Bibliotheken nur ein Teil des Systems Buch sind: ein weiterer untauglicher Versuch, das Neue unter vertraute Rubriken zu bringen und ihm dadurch im überkommenen kulturellen Spektrum einen Platz anzuweisen. Das hiesse dem Sieger Manieren beibringen zu wollen, um ihn davon abzuhalten, den Lohn des Sieges einzustreichen.


Ulrich Schödlbauer wurde 1951 geboren. Er studierte in Erlangen und Heidelberg und wirkt als ausserplanmässiger Professor für Neuere deutsche Literatur an der FernUniversität in Hagen. Ulrich Schödlbauer ist Herausgeber von «Iablis. Jahrbuch für europäische Prozesse». Zahlreiche Publikationen, darunter: «Entwurf der Lyrik» (1994); «Notizen zur deutschen Einheit» (1994); «Das Ende der Kritik» (zusammen mit Joachim Vahland, 1997); «Uhuru Peak» (2001); «Das Land der Frösche» (2001); «Die Macht der Differenzen. Beiträge zur Hermeneutik der Kultur» (hrsg. mit Reinhard Düßel und Geert Edel, 2001); die Gedichtbände «Ionas» (2001); «Organum Mortis» (2003) und «PoliFem» (2004); «Rilkes Engel» (Essay, 2002); «Das anthropologische Experiment» (Erzählung, 2005). Im Entstehen: «Die versiegelte Welt. Netzroman», davon im Druck erschienen: «Das Ungelebte» (2007); «Hiero» (2010). Zahlreiche weitere Veröffentlichungen im Netz. – «Netzbuch» ist ein Kapitel aus Ulrich Schödlbauers Werk: «Mikropoetik. Reflexionen zur Kunst im Schreiben zu leben» – einsehbar unter www.actalitterarum.de.

4 Gedanken zu “Netzbuch (1–4)

  1. flo

    Jorge Luis Borges hätte sich wohl für den folgenden Gedankengang interessiert:

    «Andererseits geht sein (ebenfalls dynamisches) Verweissystem so sehr über alles hinaus, was die ausgeklügeltste Bibliothek zu leisten vermag, dass sich auch diese Analogie verbietet.»

    Inwiefern kommt das Netzbuch der «Bibliothek von Babel» nahe?

  2. Workaholic

    Es würde mich interessieren, wie der Verfasser zur Thematik Leistungsurheberrecht steht.

    Wie und warum etwa sollen WWW-Distributoren den klassischen Verlagen überlegen sein, so lange es ein Ding der Unmöglichkeit ist, seine WWW-Texte ordentlich zu schützen und wenigstens ein bisschen Geld dafür zu bekommen?

    Bei klassischen Verlagen ist wenigstens klar, die Bücher werden im Laden gekauft und nicht fotokopiert und irgendwo als Datei ins Netz gestellt …

  3. Ulrich Schödlbauer

    Die Verrechtlichung des Internet und die Durchsetzung der Autorenrechte in diesem Medium wurden von mir nicht behandelt. Generell dürfte ein Plagiat oder eine Raubkopie im Netz leichter erkennbar zu sein, wenn die authentische, vom Verfasser freigegebene Publikation ebenfalls im Netz steht. Dass Verlage ihre Rechte auch im Internet, selbst auf internen Plattformen, energisch durchzusetzen wissen, haben sie bereits bewiesen. Die Frage an die Zukunft wäre daher, was unter WWW-Distributoren zu verstehen ist und welche Leistungen sie mit den Autoren aushandeln. Das steht natürlich in engem Zusammenhang mit den Verdienstmöglichkeiten im Netz und ihrer Ausgestaltung.

  4. gsz

    Wo alleiniger Besitz und daraus resultierende Abgeltung illusorisch sind, muss man wenigstens die Top-Domains, auf welchen eigene Inhalte erscheinen, selbst gestalten und kontrollieren.

    Wenn Google schon alles, was ich jemals schrieb, zusammenträgt, will ich wenigstens die Ursprungsquelle gestalten und kontrollieren.

    In dem Sinn wären WWW-Distributoren Fürsprecher der AutorInnen, Plattformen der Sichtbarkeit und des Sichtbarbleibens, zugleich ’sichere Häfen‘, in denen man vor den Zumutungen des Betriebs ein Stück weit in Sicherheit ist, wo der künstlerische Anspruch mehr Gewicht hat als vorauseilende Anpassungen an Lektoren und Agentinnen.


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