gesichtet #26: Kitsch-Kondore und Anden-Romantiker

Von Michel Schultheiss

In vielen Städten gehören sie zum Strassenbild wie die Verkäufer von Airbrush-Postern. Und analog zu diesen glitzernden Delfinen, die vor Sonnenuntergängen springen und Wölfen, die in den Mond heulen, verzaubern auch diese Musiker die Fussgängerzonen in süssliche New-Age-Welten. Mit ihren Sicus, Quenas und anderen Instrumenten aus dem Anden-Raum gehören sie zu den Klassikern unter den Strassendarbietungen – so auch in Basel. In letzter Zeit sieht man jedoch sie weniger, während vermehrt das Akkordeon die Strassenklänge prägt. Tauchen südamerikanische Gruppen hin und wieder mal auf, wird ihre Show unterschiedlich aufgenommen: Für manche Leute sind die «Panflöten-Peruaner», wie sie oft genannt werden, bereits der Inbegriff des Kitsch und der Anden-Klischees. Andere lassen sich jedoch nach wie vor den hölzernen Klängen in den Bann ziehen, wie man auf dem Bild unschwer erkennen kann. So etwa geschah dies bei dieser Formation – dem Hörensagen zufolge stammt sie aus Ecuador – auf dem Claraplatz.

Strassenmusiker Claraplatz

Panflöten und Quenas mit Synthie-Klängen: Womöglich sagt diese Strassenmusik weniger etwas über Peru, Ecuador oder Bolivien als vielmehr über die Befindlichkeiten von Mitteleuropäern aus. (Foto: smi)

Mithilfe eines Synthesizers werden bekannte Pop-Balladen in ein andines Gewand gehüllt. Manche dieser Gruppen, wie ich sie schon gesichtet habe, gehen noch weiter und spielen fast ausschliesslich zu Playbacks und garnieren den schwülstig-ätherischen Sound mit Nebelmaschinen. Oder sie tragen gar nordamerikanischen Sioux-Federschmuck. Dies hat zwar der Aymara- und Quechuakultur so viel zu tun wie eine Kuckucksuhr mit einer Bauchtänzerin, doch es schnürt gleich mehrere Indianer-Stereotypen zu einem Gesamtpaket.

Nicht alle Kulturschaffenden aus den Anden sind gut zu sprechen auf diese Strassen-Shows. Ein Bekannter aus dem bolivianischen Cochabamba, welcher Ronroco, eine Weiterentwicklung des Charango, spielt, will auf keinen Fall in den gleichen Topf mit solchen Strassenmusikern geworfen werden. Das ist auch verständlich: Die breite Palette an Musikstilen, welche es von Nordargentinien bis in die kolumbianischen Anden-Ausläufer gibt, wird in Europa oft nur auf eine «El cóndor pasa»-Ästhetik reduziert. Mitschuldig daran sind wohl Simon und Garfunkel. Dem schwermütigen Lied von Daniel Alomía Robles (welcher sich wiederum von einem älteren peruanischen Volkslied inspirieren liess) über die Ausbeutung von Minenarbeitern wurde ein ziemlich an den Haaren herbeigezogener englischer Text verpasst. Und mit der Zeit stumpfte sich auch die Melodie ab, welche nunmehr zu einer Fahrstuhl-Berieselung verkommen ist.

Einer, der sich mit diesem Phänomen befasst hat, ist Julio Mendívil von der Uni Köln. Der aus Peru stammende Musikethnologe spielt selbst Charango und hat bemerkt, wie gefragt die Klänge aus seiner Heimat bei europäischen Ohren sind. An Partys wurde er oft aufgefordert, etwas «typisch Peruanisches» zu spielen, was als ganz normal empfunden wurde. Wenn er jedoch das Gleiche von seinen deutschen Kollegen verlangte, verstummten diese meistens. Der volkstümliche Schlager war unter seinen deutschen Akademikerkollegen verpönt und galt als «Musik des schlechten Geschmacks» und Produkt der Kulturindustrie par excellence. Daher beschloss Mendívil, der Sache auf den Grund zu gehen und verfasste eine ethnologische Abhandlung zum deutschen Schlager. In diesem Werk mit dem Titel «Ein musikalisches Stück Heimat» schaut für einmal nicht – wie dies so oft geschieht – ein Europäer fasziniert auf die Popularmusik Lateinamerikas, sondern umgekehrt.

Die Initialzündung kam für den Ethnologen bei Katja Ebsteins Schmachtfetzen «Ein Indiojunge aus Peru»: Im auf den ersten Blick stereotypenbelasteten Lied machte Mendívil eine «subtile Ode an die deutsche bürgerliche Lebensform aus». Die traurige, pseudo-andine Moll-Melodie mit Quena-Imitation wird von einer leichtfüssigen Dur-Melodie über die deutsche Gemütlichkeit abgelöst – ein Schema, welches er in vielen Schlagern entdecken konnte, wenn Melancholisches über Leute aus fremden Kulturen besungen wird.

Somit lässt sich vielleicht etwas über den anhaltenden Erfolg der besagten Strassenmusiker aussagen. Wenn auch die Musik, wie man sie tatsächlich an einer bolivianischen Peña zu hören bekommt, wenig mit dem zu tun hat, was in der Freien Strasse oder auf dem Claraplatz präsentiert wird, so ist sie dennoch sehr aufschlussreich. Sie sagt vielleicht weniger etwas über Peru, Ecuador oder Bolivien als vielmehr über die Befindlichkeiten von Mitteleuropäern aus. Die Affinität der Schlagerszene für Lateinamerika ist unübersehbar – eben gerade aufgrund einer Suche nach dem Melancholischen und einem gewissen «Jöh-Effekt», der immer wieder zelebriert wird. Und dabei sind gerade die Anden eine gute Projektionsfläche: exotisch und heimelig zugleich, ist jene Region ideal für die Suche nach dem angeblich «Authentischen» in der Ferne, das eigentlich aber zu Hause ersehnt wird. Ob sich die besagten Strassenmusiker dessen bewusst sind, können wir nicht wissen. Doch sie merken, dass ihr Konzept, obschon mittlerweile altgedient, noch immer zieht und Passanten anlockt. Von daher ist es durchaus möglich, dass wir auch in Zukunft noch von Synthesizern unterlegte, zarte Panflötenklänge auf den Plätzen vernehmen werden.

5 Gedanken zu “gesichtet #26: Kitsch-Kondore und Anden-Romantiker

  1. Klaus Reuss

    Der Wunsch nach Authentizität, die Sehnsucht nach Ursprünglichkeit. Das Motiv des „Goldenen Zeitalters“ in der Romantik. Und das ist kein rein deutsches Phänomen. Es zieht sich durch die Wildwest-Romantik genau so wie durch die Bollywood-Schinken.

    Es gibr mehr Fragen als Antworten. Und glücklicherweise gibt es auch Volksmusik jeseits aller Volks(t)dümmlichkeit: Attwenger, Hubert von Goisern und in Peru den Superstar Damaris, die auf Quetchua singt.

  2. gsz

    Danke für die tollen Tipps, lieber Klaus Reuss.

    Ich war so begeistert von den YouTube-Videos, dass ich hier einfach mal noch vor dem Autor Michel Schultheiss antworte.

    Gross:

    Kapitalismuskritisch:

    … und auf Hochdeutsch:

    Habe ich noch nie gehört:

  3. smi

    Lieber Klaus Reuss

    Danke für die Inputs! Ich denke auch, dass sich dieses Phänomen nicht nur auf den deutschsprachigen Raum beschränkt. Der verklärende Blick auf andere Kulturen ist, wie Du auch festgehalten hast, etwas weit Verbreitetes und erstreckt sich von der Romantik über Karl May und Stefan Zweig bis hin zum Rucksacktourismus oder zur heutigen Popularität der «Balkan»-Sounds (siehe dazu das Interview mit Muhi Tahiri auf «Zeitnah»), um nur ein paar wenige Beispiele zu nennen. Die Suche nach diesem «Authentischen» mag zwar oft im Kitsch münden, ist meiner Meinung nach aber nichts Verwerfliches, solange sie nicht für fragwürdige politische oder kommerzielle Zwecke instrumentalisiert wird.

    Musik aus den Anden (oder besser gesagt das, was in Europa darunter verstanden wird) ist dabei ein Dauerbrenner. Es ist interessant, dass Panflöten mit Verstärker – obschon keine Neuheit mehr – in europäischen Städten noch immer viele Passanten anziehen. Dabei wird das «Fremde» als etwas Statisches und Homogenes angesehen, während andere musikalische Entwicklungen jener Länder weniger bekannt sind, da sie nicht den gängigen Anden-Stereotypen entsprechen.

    Vielleicht will damit etwas kompensiert werden: Wie auch Julio Mendívil in seiner Untersuchung bemerkt hat – ist das „Volkstümliche“ im deutschsprachigen Raum eher negativ konnotiert und wird mit einer konservativen Haltung assoziiert. Doch wie Du erwähnt hast, gibt es auch im deutschsprachigen Raum Musiker, welche versuchen, diese Stereotypen zu durchbrechen und der Volksmusik eine andere Bedeutung zu verleihen.

    Gruss

    smi

  4. Klaus Reuss

    Der Kampf der Indios um das Überleben ihrer Kultur steht oft genau zwischen diesen beiden Polen:Urprünlinglichkeit und einer Entwicklung in die Moderne. Wie weit kann diese Entwicklung gehen, ohne den Bezug zu den Wurzeln zu verlieren?

    Beiträge zum Thema der Kulturen der indigenen Völker auch bei GlaucioCRGR auf Pagewizz: http://pagewizz.com/autoren/GlaucioCGRJ/


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