«Das Leben ist ein Tanz mit dem Tod» – Interview mit Tiz

Von Michel Schultheiss

Der Basler Tiz ist einer von insgesamt 147 Rappern, die am Samstag bei der zweiten Aufführung des 83-minütigen Tracks «1 City 1 Song» am Jugendkulturfestival (JKF) auf der Bühne stehen werden. Der 29-Jährige ist zurzeit auch mit seinem eigenen Projekt beschäftigt: Sein erstes Album «Verloreni Kinder» soll Ende Jahr auf Vinyl und CD erscheinen. Dafür hat er ein Crowdfunding-Projekt aufgegleist. Die Songs und der erste von geplanten drei Videoclips zum Titeltrack stehen schon. Zeitnah sprach mit Tiz über die Möglichkeiten und Grenzen sozialkritischen Raps, prägende Schicksalsschläge, die Basler Fasnacht und Stadtoriginale sowie über sein Video, dass ohne Budget zustande gekommen ist.

Tiz mit Sensenmann

«Den Totentanz kenne ich schon seit meiner Kindheit und es hat mich ebenso verängstigt wie angezogen»: Tiz bei seinem Auftritt im «Bird’s Eye Jazz Club» (Foto: smi).

 

Zeitnah: Tiz, Deine Texte – beispielsweise im Titeltrack «Verloreni Kinder» wie auch in anderen Tracks, etwa «Dr Funk verlore» und «Nussschale» (ein Zitat daraus lautet «Die Welt stirbt, weil wir innerlich schon tot sind») lassen auf eine eher pessimistische Weltsicht schliessen. Was hat dich dabei geprägt?

Tiz: Ich finde meine Weltsicht nicht pessimistisch, sondern sehr realistisch. Den Funk haben wir schon lange verloren, da muss man sich nur einmal die heutigen Charts anschauen. Lauter Konserven auf Hochdruck mit Lipgloss. Und die Welt stirbt – das ist nicht Ansichtssache, sondern Mathematik. Wir sind zu viele, wenige haben zu viel, viele haben fast nichts und wir brauchen mehr als es gibt. Das kann nicht gut gehen….

Im Track «5 Finger zunere Fust» ist aber auch eine Art Aufruf zum Widerstand zu hören. Ist das quasi eine Antwort an die «verlorenen Kinder»?

Ja, das ist es. So wie der Track «Nimm mi Hand» ist die Message des Albums effektiv, dass es sich nicht lohnt, aufzugeben, dass man dran bleiben muss, auch wenn es hart ist. Irgendwann wird man belohnt, auch wenn es sehr lange dauern kann. Man muss lernen durchzuhalten. Es ist ein Aufruf dazu.

Welche Etappen deiner Biographie waren entscheidend für diese eher düsteren Texte?

Ich denke die prägendsten Etappen waren die Drogensucht und der Tod meines Vaters, der Suizid meiner Schwester, das überschuldete Erbe das ich angenommen habe, der Fall durch die Sozialnetze und der Moment, als ich merkte, dass man es tatsächlich alleine in den Griff kriegen muss, wenn man glücklich sein möchte im Leben.

tiz mit maske und basilisk

«Den Funk haben wir schon lange verloren, da muss man sich nur einmal die heutigen Charts anschauen»: Tiz (Foto: Michael Stalder).

Deine Maske erinnert an einen venezianischen Pestarzt. Wofür steht sie?

Die Maske steht für die hässlichen Seiten des Lebens. Sie steht für die zwei Gesichter, die jeder Mensch hat. Viele meiner Freunde sagen es gibt einen Tiz und einen Thierry. Tiz ist recht hart und unerbittlich, während Thierry eher das Gegenteil ist. Ich habe keine ungesunde Persönlichkeitsspaltung – aber Tiz kann manchmal Dinge sagen, die Thierry nicht sagen würde und umgekehrt.

Allgemein arbeitest du viel mit «Totentanz und Mummenschanz». Man denke auch an die Schattenspiele an deinem Live-Auftritt oder die Illustration mit dem Sensenmann auf der Bühne. Weshalb greifst du oft auf diese Symbole zurück?

Den Totentanz, das Bild, kenne ich schon seit meiner Kindheit und es hat mich ebenso verängstigt wie angezogen. Der Tod hat mich während meinem ganzen Leben begleitet und er ist deshalb auch ein essenzieller Teil dieses Albums. So beschreibe ich zum Beispiel auf «Sone Morge» den Alltag aus der Perspektive eines suizidären Menschen. Es ist ein Lied dass ich für oder wegen meiner verstorbenen Schwester geschrieben habe. Der Tod ist unerbittlich – wenn er kommt, dann kommt er und er ist für jeden gleich. Ich rechne auf dem Album mit der Welt und der Gesellschaft ab; ich beerdige einen Teil auch, damit etwas Neues entstehen kann. Ich finde den Sensenmann dafür ein sehr gutes Symbol. Und ich finde das Leben ist ein Tanz mit dem Tod – vom ersten Tage an. Nahe am Tod fühlt man sich lustigerweise ja auch am lebendigsten…

Tiz Schattentheater

«Tiz ist recht hart und unerbittlich, während Thierry eher das Gegenteil ist» (Foto: smi).

Welchen Einfluss haben dabei lokale Traditionen? Man denke – nebst dem Totentanz – an die Fasnacht, die auch ihrer düsteren Seiten hat…

Ich denke, dass ich von unserer Basler Kultur sehr stark geprägt wurde. Wie und warum sich dies aber dann in gewissen Dingen äussert, finde ich noch schwierig zu sagen. Ich denke, ich bin in Basel aufgewachsen und die Stadt ist ein Teil von mir. Deshalb ist die Kultur und Vergangenheit von Basel auch ein Teil meiner Musik. Und ja, ich habe auch aktiv Fasnacht gemacht, aber das ist doch schon eine ganze Weile her (lacht).

Was beim Video zu «Verloreni Kinder» auffällt, ist der Kontrast: Einerseits der slapstickartige und skurrile Clip, der teilweise auch wie eine Parodie andere Hip-Hop-Clips aussieht, auf der anderen Seite aber die nachdenklichen Texte, die von Desillusion sprechen. Wie kam es dazu?

Der Clip ist ja sehr spontan entstanden – wir hatten aber ein paar grundsätzliche Ideen. Zum einen wollten wir auf jeden Fall die Klischees etwas in den Dreck ziehen – auch weil der ganze Song dadurch etwas lockerer rüberkommt. Im Grunde ist es ja ein sehr sehr düsterer Track, aber durch diese überstilisierten Bilder kriegt er eine gewisse Ironie. Die Bilder sind aber nicht nur Parodie, sondern auch klar eine überzeichnete Art, unsere Gesellschaft darzustellen. Es ist schon ganz bewusst so gehalten.Grundsätzlich bringt der Song aber den ganzen Frust und Unmut, den ganzen Hass – aber auch die ganze Liebe, die ich in das Album gepackt habe, auf einen Punkt.

Der Clip soll ohne Budget gedreht worden sein. Wie hast du das angestellt?

Also wir hatten ein Budget von circa 200 Franken… für Bier, die Spritzen und für das Ketchup und die Milch. Möglich wurde der Clip durch die sensationelle Arbeit und den riesigen Einsatz der beiden Jungs von Akt3, Lionel Wirz und Samuel Scherrer. Das sind zwei mit richtig viel Biss und Talent – eine perfekte Mischung. Kennengelernt habe ich Sie über meine Freundin. Eines hat zum andern geführt, wir haben sie angefragt, ihnen hat die Musik gefallen und dann haben wir losgelegt. Noch zwei Stunden vor Drehbeginn hatten wir null Statisten. Zum Drehbeginn hatten wir unter anderem eine professionelle Schauspielerin, Rula Badeen, sowie diverse andere Leute, die mitgespielt, mitgeholfen oder etwas an Material mitgebracht haben. Wirklich jeder hat seinen Beitrag geleistet und nur so war dieses Projekt überhaupt möglich.

Kürzlich hat ein Artikel im Tages-Anzeiger für Wirbel gesorgt. Auch der Basler Rapper Pyro, mit dem du auch zusammenarbeitest, hat sich vehement dagegen gewehrt. In diesem Beitrag wird etwa behauptet, in der Schweiz existiere kein sozialkritischer Rap – man mäkle bloss im Kleinen rum, stelle aber kaum die grösseren Zusammenhänge in Frage. Was meinst du dazu?

Ich hab mich über den Artikel amüsiert, aber nicht genervt. Ich sehe die Sache vielleicht etwas differenzierter. Ich denke, es gibt viele Leute die gesellschaftskritischen Rap machen. Dass man viele davon nicht kennt, könnte aber auch symbolisch sein für eine Zeit, in der man sich sowieso lieber mit sich selber und seinem Handy auseinandersetzt als mit der Welt vor der eigenen Tür. Ich denke, es gibt einige Perlen im Schweizer Rap, denen leider viel zu wenig Beachtung geschenkt wird. Grundsätzlich ist es aber schon auch meine Erfahrung, dass viele Leute im Schweizer Rap-Geschehen schlicht und einfach nicht die Lebenserfahrung dazu haben, sich auf hohem Niveau mit den Zusammenhängen und Problematiken unserer Zeit zu befassen. Abgesehen davon wollen das viele auch gar nicht – viele nutzen Musik ja nur zum abschalten  und da soll einem dann nichts zum denken bewegen…

Eine weitere Behauptung des Tagi-Autors – übrigens eine Kritik, die man immer wieder zu hören bekommt – ist die, dass in der Schweiz mangels «Ghettos» dem Hip-Hop der Hauptgesprächsstoff ausgehe. Wie siehst du das?

Es gibt definitiv keine Ghettos. Es gibt aber sozial schwierige Quartiere und Working Poor, deren Kinder verwahrlosen. Es gibt alkoholkranke und drogensüchtige Eltern. Es gibt Kriminalität – wenn auch hinter verschlossenen Türen. Der Leistungsdruck in unserer Gesellschaft ist erdrückend und Ursache für sehr viele menschliche Dramen. Es gibt genügend Missstände im Sozialwesen, der Politik und der Gesellschaft in der Schweiz, die einem Menschen Stoff für interessante Texte geben. Das Interessante ist ja, dass es im Moment rapide bergab geht in der Schweiz, die letzten zehn Jahre waren bezeichnend. Ich sage nicht, dass alles schlecht ist, aber es gibt Missstände – und das grösste Problem ist wohl, dass viele Menschen hier das gar nicht wahrhaben wollen. Und wenn man das Problem nicht sieht, wird sich auch nichts bessern….

Die Frage stellt sich nun, wie die Musik darauf reagieren kann. In der JKF-Beilage der Basler Zeitung meinte etwa der Jugendkulturforscher Bernhard Heinzlmaier, dass der Markt der neue Gott sei, der alles beherrsche  – auch die Jugendkulturen. Dies schliesse den Protest innerhalb der Kultur aus, da sich auch diese auf den Konsum konzentrierten. Würdest du das auch so unterschreiben?

Darüber kann ich nur lachen! Aber so eine Aussage passt in eine Zeit, in der ungeborene Kinder von Politikern als künftige Konsumenten betitelt werden. Hip-Hop ist gross, Hip-Hop ist breit. Sehr gross und sehr breit. Hip-Hop ist per Definition ein Protest. Zusätzlich ist Hip-Hop wohl alles andere als reiner Konsum. Wir nutzen jeden Einfluss der Welt, um daraus Neues zu erschaffen, Töne, Bilder, Texte, Gefühle. Aber man muss die Augen schon öffnen, um es zu sehen. Was meint der Herr wohl, warum es nach wie vor Leute gibt, die Musik machen ohne jegliche Aussicht auf Erfolg? Im Schweizer Rap ist nicht wirklich Geld zu verdienen. Oder weshalb gibt es Leute, die bei Nacht verbotenerweise eine graue Wand bunt gestalten? Es ist Kunst, es ist Kultur, es ist Protest!

tiz münstereingang

«Der Leistungsdruck in unserer Gesellschaft ist erdrückend und Ursache für sehr viele menschliche Dramen. Es gibt genügend Missstände im Sozialwesen, der Politik und der Gesellschaft in der Schweiz, die einem Menschen Stoff für interessante Texte geben»: Tiz (Foto: Michael Stalder).

Die zweite Aufführung von «1 City 1 Song», bei dem auch du als einer von 147 Rappern einen Part übernimmst, steht kurz bevor. Inwiefern hat das Mammut-Projekt die Basler Hip-Hop-Szene in den letzten zehn Monaten verändert?

«1 City 1 Song» hat die Basler Hip-Hop-Szene nicht neu definiert, sie wurde aber dadurch zusammengeführt und daraus ist sehr viel Neues entstanden. Was Urs, Black Tiger, da geleistet hat wird noch über Dekaden in der Basler Szene seinen Einfluss haben, weit über den Hip-Hop hinaus. Zusätzlich wurden dadurch sehr viele Leute inspiriert oder fanden durch dieses Projekt zusätzlichen Antrieb. Wir haben auf jeden Fall alle gelernt, dass wir mehr erreichen, wenn wir an einem Strang ziehen – und dies ist für alle eine sehr wertvolle Erfahrung. Danke, Urs!

In deinem Part in «1 City 1 Song» erwähnst du kurz ein bekanntes Basler Stadtoriginal. Dadurch bist auch auf das Kulturmagazin Zeitnah gestossen, das immer wieder solche Persönlichkeiten thematisiert. Welche Bedeutung haben Leute wie etwa der «General» für die Stadt Basel?

Diese Leute sind sehr sehr wichtig. Es sind diese Menschen, die unsere Stadt einmalig machen. Sie sind ein Abbild dieser Stadt und unserer Gesellschaft. Sie zaubern uns ein Lächeln ins Gesicht, sie bringen uns ins Grübeln, sie wärmen unser Herz oder nerven uns wenn wir grad keinen «Stutz» geben wollen. Aber vor allem lassen diese Menschen uns nie vergessen, was alles schief gehen kann im Leben. Sie sind eine tägliche Erinnerung an all die Dinge, die uns im Leben wirklich wichtig sein müssten!

Was bei einigen der Samples von «Simsalabim» und «Tom Keenig» auffällt ist der jazzige Einfluss. Zudem hast du als Ort für das Album-Preview den «Bird’s Eye Jazz Club» gewählt, wo auch schon das Projekt «Hip-Hop meets Jazz» über die Bühne ging. Wie schätzt du die Zusammenarbeit zwischen der Hip-Hop- und der Jazz-Szene in Basel ein?»

«Simsalabim» und ich machen Musik. Das Bird’s Eye ist ein Musik-Club. Dort gehen Menschen hin um Musik zu hören, zu spüren – nicht um sich zu lauten Bässen zuzuknallen. Wir sind in der glücklichen Situation, dass es in Basel viele Kulturschaffende gibt, welche die Hip-Hop-Szene fördern. Ich finde auch, dass man sich auch mal bedanken darf und nicht immer alles schlechtreden muss. So ist zum Beispiel auch «Hip-Hop meets Jazz» eine tolle Veranstaltung, in der zwei Welten aufeinandertreffen, dann aber miteinander verschmelzen. Oder auch dass zum Beispiel Pyro einen prominenten Auftritt auf dem Floss erhält. Solche Dinge sind wichtig!

Einer deiner Tracks ist auch dem «Kleinen Prinz» von Antoine de Saint-Exupéry gewidmet. Ist diese Figur ein Vorbild für dich?

Ich bin der kleine Prinz. Jeder Mensch der mich bis jetzt geliebt und gekannt hat, hat mir unabhängig voneinander dieses Buch geschenkt. Der kleine Prinz aus dem Buch und ich sehen nicht nur ähnlich aus, wir sehen die Dinge und die Welt(en) auch genau gleich, ohne uns zuvor gekannt zu haben. Zusätzlich ist dies ein spezielles Lied, welches ich einem sehr speziellen Menschen gewidmet habe.

Vielen Dank für die Antworten und viel Erfolg bei der Produktion des ersten Albums!

Vielen Dank an den Zeitnah-Blog für eure Zeit – schön dass Ihr Euch Zeit genommen habt für mich.

 

Weitere Infos zu Tiz:

Tiz auf facebook: www.facebook.com/tiz&simsalabim

Ein paar seiner Tracks auf Soundcloud: https://soundcloud.com/tizthewizz

Hier Ein Beitrag zum Video «Verloreni Kinder» auf dem Kulturblog «Schlaglicht»

Zur Crowdfunding-Seite (WeMakeIt) von Tiz & Simsalabim: https://wemakeit.ch/projects/tiz-simsalabim-verloreni-kinder

 

Einige Gedanken zu “«Das Leben ist ein Tanz mit dem Tod» – Interview mit Tiz

Kommentar verfassen


%d Bloggern gefällt das: