gesichtet #69: Revolution für Touristen

Von Michel Schultheiss

Von allen Transparenten, die am 1. Mai den Barfüsserplatz in Basel zieren, fällt eines besonders auf: In keinem anderen Land werde die «Gesamtheit der Menschenrechte» höher gehalten als in Kuba – so lautet die Botschaft. Dass sie nicht ironisch gemeint ist, wird schnell einmal klar: Baseballmützen mit der Aufschrift «Cuba sí» sowie T-Shirts und Fahnen mit dem Konterfei von Che Guevara sind auf dem Info-Tisch ausgebreitet. Man fühlt sich an den argentinischen Sänger Kevin Johansen erinnert, der mit seinem Lied «Mc Guevara o Che Donald´s» die Vermarktung der politischen Ikone aufs Korn nimmt.

Menschenrechte-Kuba-Barfi

Engagement für die ALBA-Staaten auf dem Barfi: Transparente, die am 1. Mai 2014 zu sehen waren (Foto: smi).

Jemand, der sich ausserhalb der «Szene» befindet, nimmt bestimmte politische Gruppierungen selten oder nie wahr. Am 1. Mai sieht das ein wenig anders aus: Unter den wichtigen Trägern des traditionellen Umzuges, Gewerkschaften und Parteien, marschieren Gruppen mit, die sonst für «Nicht-Eingeweihte» wenig sichtbar sind. So etwa auch die Leute vom besagten Info-Stand, der seit Jahren schon seinen festen Platz auf dem Barfi hat. Dabei handelt es sich um mehrere Gruppen: Da wäre zum einen die «Vereinigung Schweiz Cuba», die sich nach eigenen Angaben für «Solidarität und Zusammenarbeit mit dem kubanischen Volk und seinen rechtmässigen Vertretern» einsetzt, zum anderen die Arbeitsgruppe Lateinamerika Basel (ALBA). Die Abkürzung ist identisch mit derjenigen der Alianza Bolivariana para los Pueblos de Nuestra América. ALBA zeigt sich solidarisch mit den Regierungen dieser Allianz, sprich mit der «Bolivarianischen Revolution», dem von Hugo Chávez entscheidend mitgeprägten politischen Prozess in Ländern wie Venezuela, Bolivien, Nicaragua und Ecuador.

Was man nun auch immer über die Situation in diesen derart unterschiedlichen Ländern denken mag: Interessant ist bei diesem Info-Stand, welche Faszination Lateinamerika (wenn auch längst nicht mehr so stark wie auch schon) auf bestimmte Teile der europäischen Linken ausübt. Die Vereinigung Schweiz-Cuba bietet in einer aufliegenden Broschüre auch an, das Land von einer «nicht touristischen» Seite kennenzulernen: Während zwei Wochen kann man sich einer Brigade anschliessen. Ähnliche Angebote soll es auch in Venezuela geben; etwa Einsätze bei den «Bolivarianischen Missionen».

Fidel-Castro-Souvenir

Fidel Castro, der «coole» Machthaber – zumindest aus der Touristenperspektive: Ein Souvenir, welches vor ein paar Jahren am selben Stand auflag (Foto: smi).

Der spanische Schriftsteller Ignacio Vidal-Folch hat das Phänomen dieses «Polit-Tourismus» in seinem satirischen Roman Turistas del ideal skizziert. Er beschreibt dort, wie eine Reihen von Intellektuellen – manche von ihnen an reale Personen wie José Saramago angelehnt – in den fiktiven zentralamerikanischen Staat Tierras calientes pilgern, um einem Revolutionsführer zu huldigen. Dabei spielen die Selbstinszenierung der betreffenden Personen und die Suche nach Idealen, die sie in Europa nicht mehr finden können, eine wichtige Rolle. Vidal-Folch spielt zwar auf die Sympathisanten des zapatistischen Aufstandes in Chiapas an, doch wie er in einem Interview sagt, lässt das Schema auch beispielsweise auf Solidaritätsbesuche in Kuba münzen. Wie er sagt, unterstützen dabei europäische Intellektuelle ein Regime, welches sie nie und nimmer eigenen Leib tolerieren würden. Er wirft den betreffenden Leuten sogar eine kolonialistische Mentalität vor, da sie selbst die Konsequenzen der Politik, welche sie nur aufgrund einer Ferndiagnose kennen, nicht selbst ausbaden müssen, diese aber gerne den Kubanern zumuten.

Ein Beispiel dafür lässt sich auch am besagten Info-Stand finden: Bei ALBA wird moniert, dass der ehemalige SP-Nationalrat Franco Cavalli ein Plädoyer für die venezolanische Regierung nicht im Tages-Anzeiger (dafür aber in der WOZ) veröffentlichten konnte. Dies wird als krasse Verletzung der Pressefreiheit gebrandmarkt. Passenderweise liegen gleich nebenan bei den Kuba-Infos ein paar Ausgaben der Granma, die offizielle Zeitung des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Kubas. Das Blatt, welches nebst Juventud Rebelde die einzige Zeitung des Inselstaates ist, zeichnet sich vor allem durch seitenlange Selbstbeweihräucherung der Partei aus und glänzt nicht gerade mit regierungskritischen Stimmen. Beispiele wie diese zeigen, dass die hiesigen Sympathisanten mit unterschiedlichen Massstäben operieren: Gegebenheiten, die sie aus der Ferne in den Venezuela und Kuba gutheissen, würden sie im eigenen Land niemals akzeptieren.

Che-Souvenirs-Cuba

«Che Donald’s, McGuevara»: Andenken an Kultfigur waren vor ein paar Jahren ebenfalls am Barfi zu kaufen (Foto: smi).

Dass Lateinamerika eine Projektionsfläche für politische Experimente ist, hat eine lange Geschichte: Über die Unabhängigkeitskämpfe im 19. Jahrhundert, die Mexikanische und die Kubanische Revolution, den blutige Sturz Salvador Allendes in Chile bis hin zu den Sandinisten in Nicaragua: Stets bewegten die Ereignisse ganze Generationen von Intellektuellen, Kulturschaffenden und politisch Bewegten in Europa. Tobias Rupprecht beschreibt in einer Ausgabe der Monde diplomatique aus dem Jahr 2010 die Motive für den stetigen Blick von Teilen der Linken in Richtung Lateinamerika. Er beschreibt ihr Flair für die politischen Experimente der Karibik, Süd- und Zentralamerikas als «Höhepunkt einer langen Tradition, den Subkontinent zur Projektionsfläche europäischer Sehnsüchte, Fantasien und Frustrationen zu machen», wie er erklärt. Dabei werden lateinamerikanische Revolutionen gerne romantisiert sowie Vorstellungen einer vormodernen Idylle übernommen. Manche Leute hätten das «Subjekt der Revolution vom «übersättigten europäischen Proletariat auf die Dritte Welt» verlegt und diese glorifiziert.

Reste dieser verklärenden Sicht auf den Kontinent, der zwar exotisch, aber eben doch nicht so fremd wie Afrika und Asien wirkt, sind auch heute noch präsent. Zwar ist der Fokus nicht mehr so stark auf Lateinamerika gerichtet wie etwa zur Zeit der von den USA unterstützten rechten Diktaturen oder der Generation der Nicaragua-Freiwilligen. Dennoch gibt es eine gewisse Kontinuität bei den Lateinamerika-Stereotypen: Das Bild des Kontinents als Ort der Revolutionen lebt bruchstückhaft in den kleinen, aber auffälligen Solidaritätsbestrebungen mit der «Bolivarianischen Allianz» weiter.

Dabei ist das alte Lagerdenken sehr präsent: Nach den heftigen Protesten in Venezuela im Februar dieses Jahres verfasste ALBA auch prompt eine Stellungnahme in spanischer Sprache. Von der Schweiz aus werde die «faschistische Gewalt gegen das venezolanische Volk» und seine «legitimierte Regierung» aufs Schärfste verurteilt. Im Grunde genommen übernehmen die Basler den Jargon des regierungsfreundlichen Senders teleSur, welches kaum eine Schlagzeile ohne diese inflationär gebrauchte und enthistorisierte Beschimpfung auskommen kann: Kritiker werden pauschal als «Faschisten» bezeichnet. Vielleicht scheint die Projektionsfläche Lateinamerika auch deshalb so attraktiv, weil von der Ferne aus einfache Schwarz-Weiss-Zeichnungen einfacher zu bewerkstelligen sind: Hier die imperialistischen Gelüste, dort das ausgebeutete, aber edle «Volk». Diese Schablone wird immer wieder über die verschiedenen Länder des Kontinents gelegt. Bei Hinweisen auf unangenehme Aspekte beim bolivarianischen Prozess reagieren die Sympathisanten stets gereizt: Entweder handelt es sich bei den negativen Nachrichten um «imperialistische Propaganda» und um Taten von infiltrierten Agenten oder man relativiert sie reflexartig mit Verbrechen aus der US-Politik.

Im Grunde genommen sagt diese Schablone somit ähnlich viel aus wie der berühmte, an dieser Stelle bereits behandelte Panflötenspieler in den Fussgängerzone: Sowohl die Anden- wie auch die Revolutionsromantik sind letztendlich Bilder, die mehr über Europa als über Lateinamerika aussagen. Beim einen ist es die Sehnsucht nach der eigenen Scholle, beim anderen diejenige nach politischer Aufbruchstimmung, die in der eigenen Heimat vermisst wird.


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