Die nervigsten «Charlie Hebdo»-Plattitüden: Eine Typologie der gängigsten Meinungsmacher

Es war zu erwarten, dass nach dem Anschlag auf die Redaktion der Satirezeitschrift «Charlie Hebdo» wieder einmal ein abgedroschenes Statement das andere jagen wird. Die Social Media sind besonders anfällig für gebetsmühlenartig wiederholte Gemeinplätze aus unterschiedlichen politischen Lagern. Höchste Zeit für eine Typologie der häufigsten besserwisserischen Stimmen.

charlie hebdo

Die Satirezeitschrift verkauft sich nun schneller als warme Brötchen. Nicht selten dient die Debatte um «Charlie Hebdo» als Vorwand zum Wiederkäuen alter Plattitüden (Foto: smi).

  1. Der «Kampf der Kulturen»-Verfechter

Er gehört bereits zum Inventar der Kommentarspalten von Zeitungen, verfügt aber auch über eine weite Blogosphäre als Habitat und kommt dank den «Patriotischen Europäern gegen die Islamierung des Abendlandes« (Pegida) zu einer neuen Sternstunde. Vor ihm ist auch «Charlie Hebdo» nicht sicher: Er möchte die Satirezeitschrift (welche notabene alle fremdenfeindlichen Kräfte genau gleich heftig in die Pfanne gehauen hat) vereinnahmen und sie für ihren herbeigeredeten «Kampf der Kulturen» vor den Karren zu spannen – die toten Zeichner dürften sich im Grabe umdrehen. Durch das Attentat fühlt er sich einmal mehr in seinen monokausalen Erklärungsmustern, die alles auf die Religion oder «Kultur» reduzieren, bestätigt – das sind für ihn unverrückbare Kontinentalplatten. Zu seinem Waffenarsenal gehören Begriffe wie «Gutmensch».

  1. Der anti-westliche Selbstgeisselungs-Fetischist

Oft fliessen simplifizierte postkoloniale und anti-imperialistische Versatzstücke in seine Argumentation ein, welche stets auf ein Relativieren des Attentats abzielt. Er findet es halt schon schlimm, doch dann kommt stets ein «aber», gefolgt von einem wirren Rundumschlag, welcher von den Kreuzzügen über den Kolonialismus bis hin zu Palästina und zum Drohnenkrieg reicht. Macht das alles nun alles den Anschlag auf «Charlie Hebdo» besser? Legitimiert das eine nun das andere? Klar, hier geht’s anscheinend um einen body count: Dürfen Fundamentalisten also noch ein paar Tausend weitere Franzosen ins Jenseits befördern, damit Gleichstand mit den Opfern des Algerienkriegs steht? Der Selbstgeissler nimmt dabei gerne ein gewisses «wir» in Sippenhaft, um sich an seinen westlichen Schuldgefühlen zu laben.

  1. Der kulturrelativistische Schönredner (oft identisch mit Nr. 2)

Irgendwie muss man doch Verständnis haben für die ausgebeuteten Attentäter, wie er stets betont. Interessant ist, dass gerade solche, die sich als kritische Geister sehen, reaktionäres Gedankengut verteidigen oder zumindest herunterspielen. Es bestätigt sich einmal mehr die Feststellung von Claude Lévi-Strauss, dass gerade Progressive erstaunlich konservativ werden, wenn es um Sachverhalte von «Fremden» (wenn man jemanden, der in Frankreich aufgewachsen ist, überhaupt so nennen kann) geht, die sie auf sich selbst angewandt niemals akzeptieren würden. Zudem teilt dieser Typ eigentlich das Weltbild der «Kampf der Kulturen»-Krieger – halt einfach mit umgekehrtem Vorzeichen: Hier der dekadente und raffgierige Westen, dort der harmonische Orient – das klingt eher nach Karl May als nach Karl Marx. Zudem sehen beide Fraktionen die beiden angeblich existierenden «Kulturen» als homogene Einheiten: Bei den einen ist die «islamische Welt» bösartig, bei den anderen stets edel und harmonisch und erst durch den Westen verdorben.

  1. Der Karikaturisten-Beschuldiger

Auch wenn er kurz beteuert, dass er die Gewalt verurteilt, schiebt er letztlich doch dem Satiremagazin den schwarzen Peter zu – schliesslich sei ja Öl ins Feuer gegossen und der Religionsfrieden gestört worden. Die Argumentation gleicht – das ist ja schon fast ein Klassiker unter den Beispielen – jener Macho-Sichtweise, dass etwa eine Frau, die vergewaltigt wurde selber schuld sei – sie hätte sich ja schliesslich nicht so sexy kleiden müssen. Auch wenn es oft nicht seine Absicht ist, zementiert er somit die «Argumentation» der Attentäter.

  1. Der pathetische Barbarenbekämpfer:

Dieser Typus hat’s sogar in die Feuilletons geschafft. Immerhin denkt er weiter als der «Kampf der Kulturen»-Verfechter, doch sein vereinfachter Kontrast «Aufklärung versus Barbarei» stösst an seine Grenzen – schon nur ein paar Sätze von Adorno und Horkheimer sollten diese vereinfachte Darstellung relativieren und die andere Seite der Medaille der Moderne zum Vorschein kommen lassen.

  1. Der False-Flag-Theoretiker:

«Man wird doch wohl noch sagen dürfen» – was er den Karikaturisten bisweilen abspricht, nimmt er ganz natürlich für sich in Anspruch, denn schliesslich bringt er die Wahrheit und nichts als die Wahrheit ans Licht. Im Gegensatz zur pressehörigen Matrix-Herde sieht er sich als Morpheus in der Systempresselandschaft, als Messias inmitten von Mainstream-Medien eines Orwell-, Huxley- oder Bradbury-Staates und daher ist für ihn auch schon wenige Stunden nach dem Anschlag klar, wer wirklich dahinter steckt. Auch wenn er sich als Kämpfer gegen den Mainstream sieht, kann auch er auf ein grosses Netzwerk Gleichgesinnter zurückgreifen, die ihm stets auf die Schultern klopfen. Oft ist dieser Typus identisch mit den Gruppen 2, 3 oder 4 – was eigentlich ein Widerspruch ist: Man weiss, dass ja in Wirklichkeit bösartige Marionettenspieler alles gelenkt haben, gleichzeitig fordert man Verständnis für die Täter (die ja aber laut dieser Theorie entweder unschuldig oder bloss Werkzeuge waren). Dabei behandelt er die Attentäter wie kleine Kinder: Niemals seien sie fähig gewesen, ein solches Attentat zu planen – nur mächtige westliche weisse Männer können das anscheinend.

  1. Der Antisemitismus-Islamophobie-Vergleicher

In dieser Gruppe hat’s auch Promis wie Erdogan und Dieudonné. Ihre Lieblingsbegriffe sind «Islamophobie» und «Heuchelei des Westens». Dabei wird wie immer auf das immer wieder dankbare Beispiel der Juden zurückgegriffen – doch nicht etwa, weil der besagte Typus diese Bevölkerungsgruppe besonders mag oder besorgt ist über die Situation der schrumpfenden jüdischen Gemeinde Frankreichs: Antisemitismus wird plump gegen muslimfeindlichen Rassismus ausgespielt, als ob es sich (in völlig ahistorischer Manier) um identische Phänomene handeln würde und das eine das andere rechtfertigen könnte.

  1. Der Blasphemie-Empörte

Für ihn geht Satire zu weit, wenn ein Religionsbegründer ins Lächerliche gezogen wird. Gemäss seiner Argumentation müsste etwa «Das goldene Zeitalter» von Luis Buñuel verboten werden – schliesslich zieht dieser Film (gewiss künstlerisch anspruchsvoller und aus einem anderen geschichtlichen Kontext als «Charlie Hebdo») einen Religionsstifter noch viel heftiger durch den Kakao. Der Blasphemie-Gegner mag nun einwenden, dass im Gegensatz zu Buñuel die «Charlie»-Satire eurozentrisch sei, da man schliesslich anderen Religionen keine solchen Karikaturen zumuten dürfe. Somit möchte er die zweitwichtigste Weltreligion in paternalistischer Art und Weise unter Denkmalschutz stellen. Er will im Namen einer ganzen Glaubensgemeinschaft sprechen und ihr ein angeblich kollektives Beleidigtsein zuschreiben, das er über alles andere stellt. Daher, so schliesst er, müsse dieses eine Thema verschont werden. Dass gerade Religion (und insbesondere die nebst dem Christentum wichtigste der Welt) auch ein Aspekt von Macht ist und somit auch Gegenstand von bissiger Satire sein kann, scheint für ihn undenkbar.

  1. Der «Nur was mir passt»- Meinungsfreiheitsverteidiger

Der Pegida-Vertreter, der kürzlich dem Satiremagazin «Titanic» gedroht hat, gibt ein gutes Beispiel dafür ab. Für diesen Typ gilt Folgendes: Bissige Karikaturen ja, doch nur, wenn sie der eigenen Ideologie entsprechen.

10. Der «Charlie Hebdo»-Nichtleser (der trotzdem alles weiss)

Dieser Typus umfasst sowohl «Charlie»-Hasser als auch solche, welche die Zeitschrift nun über den grünen Klee loben. Beiden gemeinsam ist, dass sie – wenn überhaupt – nur die nun prominent gewordenen Mohammed-Karikaturen kennen. Obschon dieser Typ noch nie einen «Charlie» in den Händen gehalten hat, ist für ihn klar, was drin steht.

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