gesichtet #143: Der weihnachtliche Geistermönch von Riehen

Von Michel Schultheiss

Wer an den Feiertagen die Idee hat, hier vorbeizuschlendern, sollte die Ohren steif halten. Der Gang zur Dorfkirche könnte an Weihnachten zu einer unheimlichen Begegnung führen. Dann nämlich sucht ein weisser Mönch das Frühmesswegli heim.

fruehmesswegli

Der Name «Frühmesswegli» erinnert noch immer an das Priesteramt, das nach der Reformation abgeschafft wurde. Der Geistliche, der hier auf einem früheren Landgut wohnte , soll aber an Weihnachten und Neujahr noch immer als Gespenst auf dem Weg zur Kirche unterwegs sein (smi).

So zumindest besagt es eine alte Riehener Sage. Heutzutage mag der kurze Durchgang von der Bahnhofstrasse zur Kirche unspektakulär aussehen. Dennoch rankt sich um diesen Fleck eine Legende, die bis auf die vorreformatorische Zeit zurückgeht.

Wie in der «Riehener Zeitung» vom 26. Juli 1947 zu lesen ist, soll damals eine weisse Gestalt jeweils bei Tagesanbruch bei seinem Gang zur Kirche für eine gespenstische Erscheinung gesorgt haben. Es handelte sich um den sogenannten Frühmesser. Für die Messe, die morgens gelesen wird, war nämlich ein bestimmter Priester zuständig. Die Reformation setzte dieser Angelegenheit für Frühaufsteher ein Ende: Das Amt wurde um 1536 in Riehen abgeschafft.

Der Geistliche in der Morgendämmerung war offenbar ein Bild, das Eindruck machte. Der Autor von 1947 stellte sich das etwa so vor: «Wenn ein in der weissen Ordenstracht der Zisterzienser gekleideter Kaplan jeweilen kurz vor Tagesanbruch noch durch das Kirchgässli zur Frühmess eilte, konnte dies leicht einen gespensterhaften Eindruck machen auf allfällig Begegnende.» Die Abschaffung seines Amts hat dem Frühmesser wohl keine Freude gemacht: Noch immer gibt er keine Ruhe und taucht gelegentlich auf dem Weg zur Dorfkirche unerwartet auf. Der Legende nach geschieht das jeweils während der Fronfastenzeit vor Weihnachten, also Mitte Dezember. Wie der Autor in der Riehener Zeitung festhält, komme aber seit Jahrhunderten nicht mehr vorbei.

Dem Historiker und Theologen Michael Raith kam offenbar eine andere Version dieser Sage zu Ohren. Wie er in seiner «Gemeindekunde Riehen» festhielt, soll ein weisser Mönch jeweils an Weihnachten und Neujahr noch immer beim Frühmessweglein auftauchen.

fruehmesswegli_skulptur

Auch ein bisschen gespenstisch, doch nicht zu verwechseln mit dem wiederkehrerenden Frühmesser: Die Skulptur «Schäfer mit Hund» von Otto Roos wacht seit 1968 ebenfalls über das Areal der alten Taubstummenanstalt (Foto: smi).

Ob jemand auch im Laufe der letzten Jahren den geisterhaften Geistlichen gesichtet haben will, ist nicht bekannt. Auf jeden Fall sind aber die Frühmesser aus dem vorreformatorischen Riehen in der Nomenklatur verewigt. Wie im Basler Namenbuch zu lesen ist, verdiente sich der «Früemesser», sein Brot mit bestimmten Pfründen. 1462 sicherte sich Riehen mit so einem «Früemesspfrund» diese bedrohte Einrichtung. Der dafür zuständige Priester wohnte auf dem Areal der heutigen Gemeindeverwaltung. Auch nach der Abschaffung des Amts im 16. Jahrhundert lebte er als Namenelement weiter: Das Frühmesswegli erinnert noch an den «Arbeitsweg» des Priesters, den er eben noch als Gespenst beschreiten soll. Auch der «Spielplatz in der Frühmess» trägt ihn noch im Namen – wobei dieser unter Riehenern besser bekannt ist als «Gemeindespielplatz».

Zudem wird das ganze Gebiet, wird seit dem 15. Jahrhundert «In der Frühmesse» genannt. Einst gehörte es zu einem Landgut. Laut Michael Raith war dieses – je nach Besitzer – als Iselin-Fellenberger-, Bachofen-, oder Zäslin-Gut bekannt. Dort wohnte auch der besagte Frühmesser. Von 1838 bis 1940 dienten die Gebäude als Taubstummenanstalt. Schliesslich kam das Landgut es in den Besitz der Einwohnergemeinde und machte 1955 dem neuen Gemeindehaus Platz. Teile der Gartenanlage aus dem 19. Jahrhundert sind aber bis heute beim Frühmesswegli erhalten.

In diesem kleinen Park kauert tatsächlich eine Gestalt mit einem Umhang, doch nicht nur an Weihnachten. Es ist auch kein Priester, sondern ein Hirt. Doch keine Angst: Es ist nur die Bronzeskulptur «Schäfer mit Hund» von Otto Roos. Ob es eine bewusste oder unbewusste Hommage an die Geistergeschichte war, welche die Gemeinde dazu bewegte, diese Figur ausgerechnet in der Frühmessanlage aufzustellen?

Wie auch immer:  Obschon die Geister aus der mehrheitlich reformierten Gemeinde weitgehend verbannt und viele Legenden vergessen sind, führen so manche Spuren in eine sagenhafte Vergangenheit der Gemeinde: Im Bierkeller an der Grenze zu Bettingen hauste einst das schreckliche Wenkentier, im «Häxewäldeli» und im Wenkenhof spukten die früheren Gutsbesitzer und beim Gögglihof vollführte Graf Cagliostro seine Zaubereien. Auch im Dorfzentrum ist der weisse Mönch nicht das einzige Gespenst: Wie Michael Raith zu Ohren, soll es zwischen der Garten- und Rössligasse eine merkwürdige Katze geben, die als Verfluchte gedeutet wird. Wer weiss: Vielleicht hat im mysteriösen weissen Kater in den Langen Erlen einen Nachfahren gefunden.

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