gesichtet #142: Der grimmige Wächter über die «Steine»

Von Michel Schultheiss

Er taucht überraschend in der Kinostrasse auf. Ein wenig vergrämt schaut dieser Herr auf die Steinenvorstadt – als ob er dem ausgangsfreudigen Volk den ausgelassenen Samstagabend missgönnen würde. Über die Jeans des Kleiderladens hinweg starrt er auf die Passanten. Vom Haarschnitt her hat er etwas vom Komponisten Franz Liszt. Im Übrigen sind auch die Äffchen, die aufgrund ihrer ähnlichen «Frisur» nach ihm benannt sind, gleich weiter vorne im «Zolli» zu besichtigen.

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Was uns dieser verbitterte Herr an der Steinenvorstadt 16 wohl sagen möchte? (Foto: smi)

Worüber er auch immer die Nase rümpft: Der steinerne Mann tanzt – wie das gesamte Gebäude mit seinem Sandsteinrelief – in der «Steine» aus der Reihe. Bekanntlich lauern solche Fratzen an vielen Ecken Basels. So genannte Maskarone und Reliefköpfe genossen besonders im Barock grosse Verbreitung und erfreuten sich dann gegen Ende des 19. und anfangs 20. Jahrhunderts wieder grosser Beliebtheit. Gebäude wie diejenigen von Heinrich Flügel oder Eduard Pfrunder sind etwa mit solchen Grimassen verziert. Man denke auch an die berühmten Musenköpfe des alten Stadttheaters oder an die Fassaden der abrissbedrohten Häuserzeile am Steinengraben.

In der «Steine» hat ein solches Relief durchaus seinen Seltenheitswert. Überhaupt sticht der Kopf unter all seinen Kollegen hervor: Er wohl einer der wenigen, den man berühren kann. Im Gegensatz zu den anderen Köpfen können ihm die meisten Erwachsenen nicht ganz, doch beinahe auf Augenhöhe begegnen. Im «Määrli vom Zwäärg», eines der vielen Abenteuer des Rolf Schächteli von den Kinder-Kassetten der achtziger Jahre, darf diese Fratze natürlich nicht fehlen: Rolfs Bruder Florian erzählt nach seiner Odyssee zu all den bizarren Köpfen auch von diesem verbitterten Gesicht, das in besonders tiefer Lage zu finden ist.

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Es gibt viele Fratzen in Basel, doch keine blickt dich von so weit unten an wie diese – zwischen Jeans und Schaufensterpuppen (Foto: smi).

Ob der Kopf – wie im Falle des Flügel-Reliefs an der Gerbergasse – auch auf einen Scherz zurückgeht, wissen wir nicht. Auch über das Haus an der Steinenvorstadt 16 und dessen Baujahr liess sich bisher wenig in Erfahrung bringen. Selbst der Eigentümer sagt auf Anfrage, dass er kaum über Informationen verfüge. Jedenfalls sei das Gebäude nicht denkmalgeschützt. Eugen A. Meier erwähnt es in seinem Bildband «Verträumtes Basel» als «Haus zum Knöbel». Da dort leider – wie so oft – die Quellenangaben fehlen, wissen wir nichts Genaueres über den Ursprung der Liegenschaft. Einzig ein Foto von 1937 im Staatsarchiv zeigt uns, wie es vor den Kleidermarkenreklamen ausgesehen hat.

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An der Fassade des Haus «zum Knöbel» sind weiter oben noch weitere seltsame Kreaturen zu entdecken (Foto: smi).

Nicht nur der besagte Kopf macht es speziell: Frösche, Fledermäuse und weiteres nicht näher identifizierbares Getier krabbelt an der Fassade rum. Zudem stützen drei Kerle mit urchiger Visage – ähnlich wie die Karyatiden, doch weniger anmutig – den Balkon. Es gibt also mehrere Gründe, weshalb das für die Steine ungewöhnliche Haus ein Blickfänger sein müsste. Trotzdem bleibt vieles darüber vorderhand im Dunkeln.

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