Bill Drummonds musikalische Revolution und wir – Stefan Schwieterts «Imagine Waking Up Tomorrow and All Music Has Disappeared»

Der auf Musikdokfilme spezialisierte Schweizer Regisseur widmet sein neuestes Werk Bill Drummonds von The KLF, der mit diversen Dance-Hits und dem Verbrennen von einer MiIlion Pfund berühmt wurde. Heute will er weder Geld noch Musik speichern und verfolgt ganz andere Projekte, weit weg von Kommerz und Musikbusiness.

Er wurde berühmt als der eine Teil des Duos The KLF, das mit Hits wie «Doctorin‘ the Tardis» und «America: What Time Is Love?» berühmt wurde. Dann hat Drummond zusammen mit seinem musikalischen Partner Jimmy Cauty eine Million Pfund verbrannt. Und heute ist es untersagt, die Hits von KLF neu aufzulegen. Kommerzieller Selbstmord, meint nicht nur einer der Interviewpartner im Film. Doch Drummond, Sohn eines Pfarrers der Church of Scotland, geboren in Südafrika und aufgewachsen in Schottland, verfolgt heute ganz andere Ziele. Er reist durch Grossbritannien und Europa, um Töne von menschlichen Stimmen aufzunehmen und so eine neue Art Musik zu kreieren, die in einer Welt ohne Musik wieder entstehen könnte. Zudem wird die Musik zwar digital zusammengesetzt und im sehr kleinen Rahmen aufgeführt, dann aber wieder gelöscht.

Professor Drummond unterrichtet die Kinozuschauer über sein aktuelles Projekt. (Bild: zVg)

Professor Drummond informiert die Kinozuschauer über sein aktuelles Projekt. (Bild: zVg)

Bill Drummond erweist sich mit diesem einzigartigen Projekt – genannt The 17 – als Mr. Anti-i-Tunes. Musik soll wieder eine gemeinschaftliche Funktion übernehmen – Drummond, der selber aus der Punk-Szene stammt und schon vor KLF mit Big in Japan (kleinere) Erfolge feierte, führt das Do-it-yourself-Prinzip des Punk noch weiter, indem er Menschen in sein Projekt mit einbindet, die er sonst wohl nie getroffen hätte. Drummond, geboren 1953, will den Menschen die Musik zurückgeben. Ob er das mit dem Projekt The 13, das er zwischen 2003 und 2013 verfolgte, geschafft hat? In einem gewissen Sinne sicher – er war in Schulen, Altersheimen, bei Geistlichen, bei ganz normalen Menschen zu Hause, und Schwietert hat Teile davon dokumentiert.

Schwietert ist wie Drummond ein Suchender, der das Urtümliche, weit weg vom Kommerz sucht, etwa in seinem Debüt «A Tickle in the Heart», in «El acordeón del diablo» oder «Heimatklänge». Es kommt Schwietert also sicher entgegen, dass die (elektronische) Musik von KLF hier nicht zu hören ist: sie wäre in Schwieterts Oeuvre zweifellos ein absolutes Novum und vielleicht sogar ein Fremdkörper. So filmt Schwietert stattdessen Menschen auf der Strasse, die Hits von The KLF acapella darbieten (zumindest Teile davon). Musikalisch gibt «Imagine…» wohl weniger her als andere Filme von Schwietert – wobei das sicherlich Geschmackssache ist. Wie alle seine Filme  wird auch Imagine…» gerade in musikalischer Hinsicht nicht überall Beifall hervorrufen: «Balkan Melodie̶» hat mit dem Fokus auf Zamfir und Le Mystère des voix bulgares durchaus polarisiert und wohl so manche Erwartung enttäuscht – weniger interessant ist der Film deshalb nicht. Dies ist auch hier der Fall: nicht nur das Urtümliche, Authentische, sondern auch gewisse Aspekte des Business interessieren Schwietert. Auch deshalb ist Drummond ein Glücksfall für den Dokfilmer.

«Imagine Waking Up Tomorrow and All Music Has Disappeared». D/CH/UK 2015. Regie: Stefan Schwietert Mit Bill Drummond und The 17. Deutschschweizer Kinostart am 5. November 2015.

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