gesichtet #157: Grinsende Gesellen im Gundeli

Von Michel Schultheiss

Sie gaffen, schmunzeln oder starren aus der Höhe herunter. Mal ist’s ein schauriges Gorgonenhaupt aus der griechischen Mythologie, mal ein wilder Satyr. Gelegentlich taucht auch der «grüne Mann», ein mit Blättern überwachsenes Gesicht auf. Oft kann man aber einfach davon ausgehen, dass der Steinmetz seiner Fantasie freien Lauf liess. Die Rede ist von den vielen Fratzen, die nicht nur in Basel das Stadtbild mitprägen – und über die der Autor schon mehrmals ein paar Worte verloren hat.

Solche Fratzen gibt’s in Basel zur Genüge. Nur wenige davon sind aber farbig – wie etwa die hier an der Güterstrasse (Foto: smi)

Ob an der Gerbergasse, beim Erasmusplatz, am Rheinsprung, an der St. Jakobs-Strasse oder in der «Staine», um nur ein paar wenige Orte zu nennen: Die Fratzen und Maskaronen sind in der Stadt allgegenwärtig. Ursprünglich hatten sie als sogenannte Neidköpfe eine apotropäische Aufgabe. Das will heissen, dass sie mit ihrem derben Blick die Haustür vor allerlei Schadenszaubern und Dämonen bewachten. Das änderte sich im Laufe der Zeit. Im Barock erfüllten die Köpfe jedoch eine andere ornamentale Funktion. In der «Fratzenhochburg» Bordeaux tauchten die Mascarons bereits im 16. Jahrhundert auch. Schätzungsweise gibt es dort an die 3000 solche Köpfe.

Nicht nur dort wurden die Fratzen im 19. Jahrhundert erneut als Zierelemente entdeckt. Dies ist etwa in der Publikation Ralf Beil, «Masken. Metamorphosen des Gesichts von Rodin bis Picasso» von Ralf Beil nachzulesen. Etwa in Paris erlebten die Maskaronen ab den 1840er-Jahren eine Wiederkehr als verspielte Details an den Gebäuden. In Basel kam diese Mode während der Belle Époque ebenfalls zurück.

So stammt auch eine ganze Fratzenreihe an der Güterstrasse aus der Zeit zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Eines unterscheidet sie aber von den bisher behandelten Maskaronen: Sie sind teilweise farbig. Gleich vis-à-vis von der Bahnhofspasserelle und dem Meret-Oppenheim-Hochhaus grinsen die schnauzbärtigen Kerle.

Man vergleiche: Hier wäre ein Maskaron aus dem Gundeli…

Laut Denkmalpflege wurde dieses historistische Ensemble zwischen 1903 und 1905 von einem gewissen E. Ott erbaut. Zwei der Häuser liegen an der Güterstrasse 118 bis 122, fünf weitere gleich um die Ecke an der Gempenstrasse. Es handelt sich dabei um eine Neorenaissance-Fassade, die schon mehrmals umgestrichen wurde. Nach einem hellblauen Intermezzo erhielt das Gebäude sein ursprüngliches Grau zurück. Dass diese Fassade auch mit Maskaronen bestück wurde, ist nicht ungewöhnlich für diese Zeit. Spielereien mit einem Mix aller möglichen Epochen gibt’s im Gründerzeitquartier Gundeli auch gleich ein paar Strassen weiter. Man denke nur schon an die Villen der Gundeldingerstrasse.

… und hier einer von der Davidsbodenstrasse im Santihans (Foto: smi).

Was die Köpfe genau darstellen sollte, bleibt wie bei vielen ihrer «Artgenossen» ein Rätsel. Auf jeden Fall muss es sich hier um eine Serienproduktion handeln. Die Gesellen im Gundeli haben nämlich einen Bruder im St. Johann. An der Davidsbodenstrasse 7 wacht nämlich über dem Hauseingang ebenfalls so ein Grinsekerl. Dieser sieht seinen Kollegen an der Güterstrasse ziemlich ähnlich. Allerdings ist dieser Kopf nicht mit Farbe versehen. Wahrscheinlich lieferte ein Steinmetz gleich an mehrere Bauherren – was für die damalige Beliebtheit der lustigen Visagen spricht.

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