gesichtet #133: «Hundehalter an die Leine» – Basels anonyme Anti-Scheisse-Aktivisten

Von Michel Schultheiss

Immer wieder ergeben sich bei einem Gang durch die Stadt seltsame Fragen. Manche davon wurden auch schon in dieser Rubrik geklärt: Warum Michael Jackson auch lange nach seinem Tod an der Schlettstadterstrasse wohnt, wo sich eigentlich das Fyrgässli befindet und was hinter dem Hexenwald steckt, ist mittlerweile bekannt. Auch die Geheimnisse um den Fratzenbaum, das Riehener Geisterhaus und die Musenköpfe im Vorgarten sind längst gelüftet. Was es ferner mit dem Geheimagenten vom Bahnhof SBB oder mit dem König von Portugal auf sich hat, wäre zumindest teilweise beantwortet.

Hundehalter an die Leine

Deutliche Worte an die Adresse hundsgemeiner Gassigeher: Zettel dieser Art tauchen schon seit vielen Jahren in Basel auf. Anfragen per E-Mail bleiben unbeantwortet – doch man könnte Kopiervorlagen dieses Flyers bestellen (Foto: smi).

Andere Phänomene bleiben weiterhin mysteriös – so etwa das oft unerwartete Auftauchen der grinsenden Frau, der geduldige Porträtmaler vom Claraplatz oder der Anbieter vermeintlich kostenloser Mandarinen. Zu den grossen Rätseln gehören auch manche Botschaften, die seit Jahren immer wieder in der Stadt wie von Geisterhand erscheinen. So wird etwa auf nahezu jeder Polit-Plakat – egal, ob es nun um das Asylwesen oder Atomkraftwerke geht – von Unbekannten der Schriftzug «Abtreibung ist Mord» hingezaubert. Andere Beispiele solcher «repetitiver Kunst» wären etwa die «Jesus-(k)lebt»-Etiketten, die westafrikanischen Marabout-Werbungen oder die Anti-Littering-Gedichte aus Kleinhüningen.

Ins Kapitel «ungeklärte Stadtphänomene» gehören auch die Papierfetzen, welche bisweilen – oft gleich als ganze «Serie» – direkt auf der Strasse zu finden sind. Stets liegen sie gut platziert auf einem Haufen Hundekot oder zerquetschten Robidog-Säckchen. Die Verfasser der Mini-Flyer sind sichtlich sauer über die äusserst unappetitlichen Hinterlassenschaften: «Wer seine Scheisse hier liegenlässt, verschmutzt unseren Lebensraum und macht sich strafbar», steht darauf geschrieben. Früher waren die Botschaften an die Adresse «hundsgemeiner Gassigeher» noch viel direkter: «Wir wollen eure Scheisse nicht».

Wie hier in den Rabatten des Unteren Rheinwegs und des Altrheinwegs, aber auch sonst im Klybeck- und Matthäusquartier, bisweilen auch im St. Johann, lassen sich diese mahnenden Zettel sichten. Unter dem Motto «Hundehalter an die Leine» wurde dabei schon ein mancher Kothaufen «kommentiert». Wer Blinde oder Kleinkinder in der Familie hat – oder oft mal mit solchen tierischen Exkremente vor der Haustür, im Park, auf dem Trottoir oder an einem sonstigen unpassenden Ort beglückt wird, dürfte das Anliegen dieser Aktivisten sicher verstehen.

Schon seit einigen Jahren tauchen die Zettel immer wieder auf: Bereits im Jahr 2009 fragte sich die BZ, wer wohl hinter der Aktion steckt. Eine E-Mail-Adresse ist auf den Zettel angegeben – zur Bestellung von Kopiervorlagen. Mehrmalige Anfragen blieben leider erfolglos. Schade – interessant wäre es, zu erfahren, ob es auch schon Reaktionen von den Hundehaltern gegeben hat. Wer sich nämlich etwa am Birs- oder Wiesenufer mit besonders rabiaten Vertretern dieser Spezies anlegt, kann bekanntlich manchmal schön auf den Hund kommen. Wie auch immer: Anscheinend wollen die Kämpfer gegen den rücksichtslos hinterlassenen Kot weiterhin unerkannt bleiben – quasi als Quartier-Superhelden, die in Nacht- und Nebelaktionen zuschlagen.

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